Der Hessische Rundfunk sucht per Stellenanzeige einen neuen Moderator für die Frühsendung im Programm von hr1. Das deutet darauf hin, dass zumindest einer der an der Show derzeit beteiligten Moderatoren hr1 verlässt – oder aber künftig an anderer Stelle gebraucht wird. Das kommt vor und ist eigentlich keiner Rede wert.
Die Stellenanzeige deutet aber zwei Neuerungen an, die offenbar in absehbarer Zeit auf die Hörer von hr1 zukommen. Da ist beispielsweise von „Menschen Ü55“ als Zielgruppe des Senders die Rede. Natürlich spricht hr1 eine etwas ältere Hörerschaft als das Schwesterprogramm hr3 an. Aber Ü55? Dann würde ich erst seit eineinhalb Jahren zur Zielgruppe von hr1 gehören.
Musik aus den 80er und 90er Jahren
„hr1 erreicht jeden Tag über 600.000 Menschen. Wir spielen ‚einfach gute Musik‘ eine einzigartige Mischung aus Songs aus den 80er und 90er Jahren, und wir halten unsere Hörerinnen und Hörer über das Wichtigste kurz und knapp auf dem Laufenden“, heißt es wörtlich. Somit ist es offenbar vorerst nicht geplant, größere Änderungen an der Playlist vorzunehmen.
Ü55 steht bei mir eher für Oldies, auch aus den 60er und 70er Jahren. Somit bleibt es abzuwarten, ob sich das Musikkonzept nicht doch sukzessive verändert. Dann aber stellt sich die Frage, welchen Schwerpunkt künftig hr4 setzt. Neben Schlagern sind hier derzeit auch Oldies zuhause. Ein „älteres“ hr1 würde zwangsläufig hr4 Hörer wegnehmen.
Längere Moderationsschichten
Eine weitere Neuerung, die die Stellenanzeige offenbart, hatte der Hessische Rundfunk schon vor geraumer Zeit ins Spiel gebracht: Längere Moderationsschichten. So ist von einer „fünfstündigen Radiosendung im Selbstfahrerstudio“ die Rede. Derzeit dauert die Frühsendung aber jeweils von 5 bis 9 Uhr. Die Anzeige deutet demnach an, dass die Morning Show bis 10 Uhr verlängert wird.
Naheliegend wäre, dass sich zwei weitere Sendungen – von 10 bis 15 und von 15 bis 20 Uhr – anschließen, bevor hr1 das vom Südwestrundfunk produzierte Abendprogramm übernimmt. Samstags ist das bereits ab 28. November so, wie ein Blick ins Programmschema auf der hr1-Webseite zeigt. Nach dem Ende von „Reinke am Samstag“ am 21. November startet nicht etwa eine neue Show am Samstagvormittag. Stattdessen verlängert sich einfach die Sendung „Dolce Vita“, die bisher jeweils im Anschluss an die Sendung von Werner Reinke um 12 Uhr startete, auf die Zeit von 10 bis 15 Uhr.
Geht Werner Reinke überhaupt freiwillig?
Mit dem Wegfall einer Moderationsschicht am Samstag dürfte der Hessische Rundfunk vor allem auch Geld sparen. Das schürt Gerüchte, ob Werner Reinke den hr wirklich freiwillig im Alter von 80 Jahren verlässt. Darüber spekulierte bereits der Journalistenkollege Matthias Alexander in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Paywall). So kam Reinke selbst in der Pressemitteilung zu seinem Abschied nicht zu Wort.
Erst im Juni feierte der Kultmoderator seinen 80. Geburtstag. Damals galt noch die Devise: „Solange der Hessische Rundfunk, Werner Reinke und die Hörer an der Sendung Spaß haben, wird diese fortgeführt.“ Reinke war voller Tatendrang. Von Aufhören war überhaupt keine Rede. An den Hörern liegt es ganz sicher nicht, wie mehr als 1500 Kommentare auf der Facebook-Seite von hr1 zeigen. Jetzt kommt das Aus für die Show wiederum urplötzlich. Das ist zumindest seltsam, ähnlich wie der plötzliche Rauswurf von Fritz Egner vor zwei Jahren beim Bayerischen Rundfunk.
Wie weiter mit hr1?
Man darf gespannt sein, wie sich hr1 in den nächsten Monaten und Jahren weiterentwickelt. In der Stellenausschreibung zeigte sich der Sender stolz, jeden Tag mehr als 600.000 Hörer zu erreichen. Nun stehen die Zeichen offenbar auf Ausdünnung des Programmangebots und auf den Abschied von einem begnadeten Moderator, der über Jahrzehnte ganz Hessen in seinen Bann gezogen hat. Das klingt zunächst nicht unbedingt nach Verbesserungen. Ich lasse mich aber gerne positiv überraschen.
